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Sean Nelson
Department of Philosophy, University of Massachusetts Lowell Eric Sean Nelson, “Begründbarkeit und Unergründlichkeit bei Wilhelm Dilthey.” Existentia, Volume XII.1-2, 2002, Pages 1-10. © 2002 Eric Sean Nelson |
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BEGRÜNDBARKEIT UND UNERGRÜNDLICHKEIT BEI WILHELM DILTHEY
1. Einleitung
Der erste Teil dieses Aufsatzes befaßt sich mit der Frage, was “Begründbarkeit” bei Wilhelm Dilthey heißt. Unter dieser Fragestellung wird deutlich, wie Dilthey die Überlieferung der neuzeitlichen Erkenntnistheorie seit Descartes mit besonderer Berücksichtigung Kants aufnimmt. Dilthey hat hier das Anliegen verfolgt, den Geisteswissenschaften eine eigenständige Stellung und Rechtfertigung zu geben. Er hat versucht, eine “Kritik der historischen Vernunft” auszuarbeiten, in deren Rahmen die Erkenntnis einen orientierenden Grund findet. Dieser Grund soll die Funktion erfüllen, einen Zusammenhang wie die Verschiedenheit der Wissenschaften in ihren Arten und Weisen aufzuzeigen.
Dilthey war insbesondere an der Begründung der Geisteswissenschaften interessiert. Wir werfen daher im zweiten Teil die Frage auf, wie die Geisteswissenschaften begründbar seien und warum Dilthey ihnen eine besondere Begründung geben wollte. Das Unterscheidungskriterium zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften liegt Dilthey zufolge in ihren jeweiligen Lebensbezügen und Lebensweisen. Die Geisteswissenschaften fallen dem Unrecht eines Mißverstehens anheim, wenn sie nach Art der Naturwissenschaften verstanden und interpretiert werden. Obgleich die Naturwissenschaften einen Bezug zum Lebenszusammenhang haben, indem sie in sich eine spezifische Psychologie und Geschichte bergen, unterscheiden sie sich doch stark von den Geisteswissenschaften, die einen anderen Lebensbezug im doppelten Sinn aufweisen: Sie weisen nämlich nicht nur einen Objektbezug auf (Forschungsgegenstand), sondern auch einen Subjektbezug in Form einer Rück- oder Selbstbezüglichkeit auf den Forscher. Lage, Milieu und Epoche des Lebens der Individuen bilden zugleich ihren Zusammenhang und ihre Gegenstände. Die Psychologie ist deswegen als eine Geisteswissenschaft für das Selbstverständnis und die Klärung der Geisteswissenschaften insofern von Bedeutung, weil diese nicht nur auf den Diskurs [2] von idealen Gültigkeiten und allgemeinen Gesetzen reduziert werden können, sondern die Faktizität und Singularität der menschlichen Motive, Handlungen, Willen und Gefühle in ihrem Zusammenhang auszulegen versuchen.
Im dritten Teil werde ich darlegen, wie Dilthey schon vor der Ausbildung einer philosophischen Hermeneutik (Gadamer) eine hermeneutische Kehre gegen das moderne Projekt der Erkenntnistheorie einführt. Ich stelle daher die Frage, was “Unergründlichkeit” nach Dilthey heißt und warum dieser Begriff, der eine bewußt gewählte Gegenposition gegen die Begrifflichkeit der Metaphysik und die cartesianische Tradition bezieht, im Denken von Dilthey diese Bedeutsamkeit hat. Hinter dem Begriff der Unergründlichkeit verbirgt sich ein orientierendes Rätsel: Das Leben ist zwar unergründlich, aber es ist Grund und Zusammenhang der menschlichen Handlungen und Wissenschaften. Worin besteht die Unergründlichkeit des Lebens? Die Unergründlichkeit des Lebens beruht in seiner Faktizität, wobei diese (faktisch) nicht nur im Sinne der jede Gegenwart beeinflussenden Perfektform des “schon gewesen” der Geschichtlichkeit verstanden wird, sondern auch das Unerwartete der Zukunft einbezieht (GS 19: 357).
Im vierten Teil wird angedeutet, wie der Faktizität selbst ein spezifisches Paradox eignet: auf der einen Seite strömt das Leben in seiner unbemerkten Selbstverständlichkeit, aber es ist andererseits auch für das Unerwartete und Unverfügbare offen. Das Leben ist somit durch Entzug und Widerstand gekennzeichnet; es birgt eine irreduzible Andersheit gegenüber den menschlichen Erkenntnisse und Handlungen. Das Leben erschließt sich als Widerstand und Rätsel, es verkörpert eine Verschiedenheit und Mehrdeutigkeit, die nicht aufgehoben werden kann. Demgegenüber beansprucht die Erkenntnis die Erklärung der Welt, indem sie Begriffe entwickelt, die auf eine allgemeingültige Wahrheit abzielen. Dilthey hat dargestellt, in welche Aporien sich die Erkenntnis verstrickt, wenn sie an diesem Projekt einer Begriffsbildung festhält und dabei die Tatsache ignoriert, daß es eine Unvergleichbarkeit zwischen verschiedenen Erkenntnissen (Inkommensurabilität) geben kann, die nicht totalisiert werden können. Diese Unvollkommenheit und Undurchführbarkeit der Erkenntnis ist auf die leibliche-geschichtliche Endlichkeit des menschlichen Daseins zurückzuführen.
2. Der Begriff der Begründung bei Wilhelm Dilthey
Was heißt es nach Dilthey, etwas zu begründen? Obwohl der Behauptung von Manfred Riedel zuzustimmen ist, daß Dilthey eine Kritik der begründenden Vernunft geleistet hat (1985: 185-210), ist nicht außer Acht zu lassen, daß Dilthey trotz seiner Kritik an Begründungsansprüchen selbst eine gewisse Tendenz zur Begründung der Philosophie und der Wissenschaften aufrecht zu erhalten versucht. Diese Tatsache hat Hans-Georg Gadamer zu der Behauptung verleitet, Dilthey hätte sich in eine “schlechte” Widersprüchlichkeit zwischen einer positivistischen und romantischen Position sowie zwischen einem Rationalismus und Irrationalismus verstrickt, dessen Aporien er nicht hätte bewältigen können (1985: 157-182).
Dieser Auffassung zufolge hätte sich Dilthey nie aus den Widersprüchlichkeiten befreien können, die er zwischen Mill und Schleiermacher aufgespürt hat. Gadamers Kritik rührt von seinem eigenen Versuch her, die Philosophie in Richtung auf dialogische Aufhebung und Verschmelzung weiterzuführen. Deshalb ist zu vermuten, daß seine Deutung eine angemessene Begegnung mit Diltheys’ Ansatz, daß das Leben antinomisch und agonistisch sei, verfehlt. Das Leben ist bei Dilthey nicht nur ein Bereich von Immanenz, wie Heidegger (Heidegger, WDF: 149) und Matthias Jung betont (1999: 21, 50-51), [3] sondern von der Faktizität charakterisiert. <fn1> Wenn die Faktizität des Lebens durch Antinomien und Widerstreit gezeichnet ist, dann ist dieser Widerstreit (dessen Begriff aus der dritten Kritik von Kant entnommen wird und der ferner als differend bei Lyotard gedeutet war) nicht einfach zu beseitigen und aufzuheben (GS 8: 98, 152). Eine durchsichtige Totalität ist mit den Abstände und Unterschiede des Lebens unvereinbar (vgl. GS 5: 235). Der Widerstreit der verschiedenen Sprachen und Weltanschauungen, das agon oder polemos zwischen Sprache und Erfahrung, ist konstitutiv und positiv. Deswegen sollen wir mit Heidegger positiv bemerken, daß Dilthey nicht unsystematisch sondern antisystematisch gewesen ist (GA 59: 155). Nach den Sachen her ist es notwendig daß Dilthey “auf Abschluß und Fertigwerden verzichtet” und seine Arbeit “vorläufig, unvollendet und unterwegs” bleibt (WDF: 149-150). <fn2>
Diltheys Entwurf, eine Kritik der geschichtlichen Vernunft zu entwickeln, knüpfte an die kritische Überlieferung von Kants drei Kritiken an. Dilthey wollte der Erkenntnis einen Grund verleihen, der die Einzigartigkeit der Geisteswissenschaften in der Besonderheit ihrer lebensweltlichen Seinsweisen und Themen anerkennt und ihnen gerecht zu werden versucht. Er führt die Wissenschaften auf ihren Zusammenhang im Denken, Wollen und Fühlen in den Kontext ihres menschlichen Lebens zurück. Dieser Zusammenhang von Strukturen, Tätigkeiten und Besinnungen rechtfertigt und unterscheidet die Wissenschaften, dies aber nicht nach Art und Weise des erkenntnistheoretischen und metaphysischen “Absolutismus,” der ein bestimmtes Ideal von Wissenschaftlichkeit voraussetzt.
Dilthey hat dem modernen Entwurf der Wissenschaften und der Erkenntnistheorie nicht seine eigene Berechtigung abgesprochen. Diesen kommt immer noch eine bedingte Rechtfertigung zu, weil sie einen Bezug zum Zusammenhang des menschlichen Lebens in ihren Selbst-Welt- Bezüglichkeiten haben. Die Naturwissenschaften errichten eine mathematische, erklärende Konstruktion der Natur. Sie stammen abstrahierend aus dem Lebenswelt und beziehen sich daher nur indirekt auf den Zusammenhang des Lebens, in dem der Mensch steht. Der Hauptunterschied zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften liegt in ihrer Begründungsweise. Er ist methodologisch statt ontologisch, obwohl immer noch eine Ontologie der Lebenswelt impliziert ist. Die Erkenntnistheorie tritt vor diesem Hintergrund mit dem Anspruch auf, diese verschiedenen Begründungsweisen aufzuklären und zu deuten. Deswegen ist die Erkenntnistheorie bei Dilthey als eine Selbstbesinnung der Wissenschaften und der anderen Tätigkeiten der Menschen konzipiert, die die Analyse und Beschreibung einschließt. Die Erkenntnistheorie ist daher kein reiner Aufbau aus einem eigenständigen Selbstbewußtsein, sondern kann nur in Beziehung auf die menschlichen Strukturen und Handlungen durchgeführt und begründet werden. Die Begründungstendenz der Erkenntnis rechtfertigt sich nur in Beziehung auf diesen Zusammenhang von Strukturen und Handlungen.
Die “Tatsachen des Bewußtseins” sind daher zugleich epistemisch primär und faktisch welt-beziehend und -erschliessend. Ihre “Gegebenheit” (Immanenz) bedeutet schon ihre Faktizität (Abstand), weil das Selbst und die Welt aus ihrer Gleichursprünglichkeit (Kogegebenheit) erfahren sind. Tatsachen haben immer ihre Tatsächlichkeit. Deswegen darf Dilthey mit recht argumentieren, daß der Satz der Phänome[4]nalität nicht den Phänomenalismus bedeutet (GS 5: 90-91). Die lebensphilosophische Immanenz bleibt offen und gebrochen insofern sie wesentlich den Charakter des Widerstands (Welt) und Widerstreits (Weltanschauung) hat.
Die Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie von 1894 sind in diesem Kontext zu lesen. Dilthey läßt dort verlauten: “In dem lebendigen Bewußtsein und der allgemeingültigen Beschreibung dieses seelischen Zusammenhangs ist die Grundlage der Erkenntnistheorie enthalten” und weiter “Erkenntnistheorie ist Psychologie in Bewegung, und zwar sich nach einem bestimmten Ziele bewegend. In der Selbstbesinnung, welche den ganzen unverstümmelten Befund seelischen Lebens umfaßt, hat sie ihre Grundlage: Allgemeingültigkeit, Wahrheit, Wirklichkeit werden von diesem Befund aus erst nach ihrem Sinn bestimmt” (GS 5: 151-52).
Dilthey hat bereits zuvor deutlich gemacht, daß die Erkenntnistheorie weder aus dem sich selbst erkennenden Bewußtsein noch aus der Logik und Psychologie abgeleitet werden kann. Auch eine beschreibende Psychologie könnte hierfür keine Grundlage liefern (GS 5: 150). Aus dieser Perspektive wäre es daher unangemessen, Dilthey einen “Psychologismus” vorzuwerfen, da Dilthey sich nicht allein auf die Psychologie bezieht und sich nicht auf eine ableitend-erklärende Psychologie stützt, sondern eine beschreibende analytische bzw. eine interpretierende und verstehende Psychologie für dieses Projekt anvisiert (GS 5: 146). Diese von Dilthey ins Auge gefaßte Psychologie geht im Sinne einer verstehenden Psychologie beschreibend und zergliedernd vor.
Diese Psychologie wird nun für die Erkenntnis relevant, weil die Menschen sich in der gleichzeitigen Gegebenheit und Gleichursprünglichkeit ihrer Selbst-Welt-Bezüge einander begegnen und sich und die anderen darin verstehen. Die Menschen sind geschichtliche Wesen, insofern sie aus ihrer Generation, Lage und Zeitalter zu verstehen sind. Die beschreibende Psychologie ist mit und aus dieser Geschichtlichkeit der Menschen zu denken. Ohne die ontische, empirische, und zeitliche Dimensionen ist die Erkenntnistheorie nach Dilthey unmöglich. Der Begriff der Begründung wird beibehalten, aber Dilthey hat ihn radikal verändert, weil er ihn im Zeichen der Faktizität des oben geschilderten Zusammenhangs aufgefaßt hat.
3. Die Psychologie und die Frage nach dem Grund der Geisteswissenschaften
Diltheys zentrale Frage ist die Frage nach der Begründung der Geisteswissenschaften: Wie sind die Geisteswissenschaften begründbar? Warum will Dilthey ihnen eine besondere Begründung geben? Dilthey differenziert zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften hinsichtlich des Kriteriums ihrer Lebensbezüge. Wenn die Geisteswissenschaften nach dem Modell der Naturwissenschaften ausgelegt werden, werden sie nicht nur mißverstanden, sondern es werden dann auch bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse aus der Betrachtung ausgeschlossen, die jedoch in ihrer Bedeutsamkeit anerkannt und artikuliert werden müßten. Obwohl die Naturwissenschaften eine eigene Psychologie und Geschichte haben, insofern sie menschliche Praktiken und Ergebnisse sind, eignet den Geisteswissenschaften diese Tatsache in einem dreifachen Sinn vom Erleben, Ausdruck und Verstehen. Hier untersucht der Forscher nicht nur einen Gegenstand, sondern auch seinen eigenen Lebenszusammenhang, in dem er sich befindet. Der Forscher versteht die Tätigkeiten der anderen Menschen und legt die Strukturen ihrer Lebenswelt nur indirekt als Ausdrücke aus.
Die Psychologie, als eine Geisteswissenschaft verstanden, ist für das Selbstverständnis und die Klärung der Geisteswissenschaften von Bedeutung, da sie die Grundlage [5] für ein Innewerden bildet: die Menschen sind haben den Bestreben, sich selbst zu erkennen. Das Selbst will sich selbst und den Anderen in seiner entziehenden Individualität verstehen. Dieses Ziel der Selbsterkenntnis ist grundlegend. Weil das Selbst nicht nur nach Begriffen der Idee, des Geistes und der Identität zu denken ist, ist die Selbstuntersuchung der Menschen als faktische auf die Psychologie angewiesen, die Dilthey zufolge eine Wissenschaft von der Individualität ist (GS 5: 226). Die Psychologie ist dabei selbst durch ihre Zielbestimmung begrenzt, weil sie infolge ihres Wissenschaftscharakters nach dem Allgemeinen und Gleichförmigen sucht. Die Psychologie als Wissenschaft von der Individualität besagt aber demgegenüber, daß der Mensch mißdeutet wird, wenn er nur den Maßstäben von Allgemeinheit und Gleichförmigkeit unterstellt wird. Aber auch dieses Ideal hat seine Grenze, denn das Individuum als solches kann in seiner Faktizität nicht verstanden werden. Das Individuum entzieht sich als das Singuläre und bleibt ineffabile (GS 1: 29) und, nach Dilthey, “In der Struktur des Lebens äußert sich eine individuelle Tatsächlichkeit, eine haecceitas, welche vom Verstande nicht als notwendig aufgezeigt werden kann” (GS 19: 348). Die geisteswissenschaftliche Psychologie stößt deswegen in ihrem Ziel, die Individualität des Selbst und des Anderen zu verstehen, an ihre Grenze und Fraglichkeit, da die Individuen ihre Anerkennung und Bedeutsamkeit aus den ästhetischen und ethischen (bzw. poetischen und praktischen) Werten, die im Gefühlsleben begründet sind, erhalten (GS 5: 228).
Die Geisteswissenschaften untersuchen nach Dilthey den Zusammenhang und die Differenz zwischen den Strukturen der Gesellschaft und den Handlungen der Menschen, die in der Beziehung zu diesen Strukturen geschehen. Das Leben ist ein komplexer und differenzierter Zusammenhang von Strukturen und Ereignissen, Systemen und Handlungen, eine Durchkreuzung, die in einer Besinnung indirekt und beschreibend aufgeschlossen und gedeutet werden können.
Die Psychologie und die anderen Geisteswissenschaften sind die Wissenschaften von den Beziehungen zwischen dem Allgemeinen und dem Singulären, von Struktur und Ereignis, die nicht aufeinander ableitbar oder zurückführbar sind (GS 5: 228). Weil die Geisteswissenschaften diese Beziehungen zum Thema haben, subsumieren sie nicht wie die Naturwissenschaften ein Besonderes unter ein Allgemeines, sondern erforschen diese Bezüglichkeit durch die heuristischen und provisorischen Mittel von Idealgruppen oder Typen (GS 5: 229). Die Geisteswissenschaften betrachten die Beziehungen zwischen den Individuen und dem Ganzen nicht nach Art einer Subsumtion, sondern nach einem “Modell” der Koordinierung von Ereignis und Struktur, Zusammenhang und Einmaligkeit.
Die Geisteswissenschaften sind, kantisch gedacht, auf reflektierende anstatt auf bestimmende Urteile orientiert (Makkreel, 1992: 21-25). Die reflektierende Urteilskraft geht vom Singulären aus, um eine angemessene Allgemeinheit, die Geltung beansprucht, aber nicht behauptet, herauszuartikulieren. Die Idee einer Wissenschaft von der Beschreibung des Singulären, die von dieser Beschreibung zur Betrachtung vergleichender Typen übergeht, entwickelt sich aus Kants Kritik der Urteilskraft zu Diltheys Kritik einer historischen Urteilskraft. Diese Tendenz wendet sich von den Verabsolutierungen der modernen Erkenntnistheorie ab und führt eine hermeneutische Wende ein, die nur schlecht verstanden werden kann, wenn man sich wie Gadamer an Hegel und einem bestimmenden Denken des Ganzen orientiert. Eine Totalität kann nicht erfassen, was Dilthey als den unermeßlichen Reichtum und Überschuß der Unterschiede bezeichnet hat (GS 5: 235).
Dilthey rehabilitiert die zeitlichen, geschichtlichen, zufälligen, empirischen und ontischen Dimensionen der Erfahrung gegen ein erkenntnistheoretisches und ontologisches Denken, das infolge eines “Primats” des Geistes und der Idealität diese Dimensionen verneint und ausschließt. Wenn Dilthey recht zu geben wäre, bildet [6] eine verstehende Psychologie einen wichtigen Bestandteil in der Erkenntnisgewinnung und nimmt eine fundamentale Rolle ein, gerade weil sie nicht nur eine Frage nach der idealen Gültigkeit und Allgemeinheit ist. Die Erkenntnis ist geschichtlich, geistig-weltlich geprägt und trägt gegenüber einem bloßen Strukturdenken einen Ereignis- bzw. einen Geschehenscharakter. Daher deutet die Geschichtlichkeit die Unmöglichkeit der Identität und Totalität an (GS 8: 38).
4. Die Unbegründbarkeit des Lebens
Zu Beginn meiner Erörterungen habe ich aufgezeigt, wie Dilthey eine hermeneutische Kehre gegen das moderne Projekt der Erkenntnistheorie in Angriff nimmt. Dieses neuzeitliche Projekt hebt mit der Begründung der Erkenntnis von der Selbstgewißheit des cogito ergo sum an, die weiter als Durchsichtigkeit und Spontaneität gedeutet wird. In gewisser Weise hat auch Dilthey mit dem Selbstbewußtsein angefangen, doch weicht er von der klassischen Konzeption durch ein anderes Verständnis desselben ab, denn das Selbstbewußtsein ist als selbstverständlich gegeben, ohne sich selbst gewiß zu sein, denn es ist sich selbst nicht durchsichtig. Die Durchsichtigkeit des Selbst “eignet den Gestalten des Dichters, nicht der Anschauung des wirklichen Lebens” (GS 1: 62). Die Gegebenheit des Selbst ist eher als eine Frage als eine Antwort gestellt. Das Gegebene wird nicht erkannt, weil es als gegeben erfahren und angenommen ist und genau darin bleibt es undurchdringlich (z.B. GS 8: 40).
Die Durchsichtigkeit und Gegebenheit aufschließt die Tatsächlichkeit des Lebens. Mein Leben wird ursprünglich leibhaft und von der Anwesenheit der Andersheit der Welt erfahren: “Leben ist erst da, wo in einem Selbstgefühl sich von dem wirkenden Draußen dasjenige unterscheidet, welches der Einwirkung Innewird und Gegenwirkung übt. In dieser Erfahrung liegt erst das, was Leben ausmacht” (GS 18: 157). Meine Leiblichkeit unterscheidet das Selbst und die Welt, die in Druck und Widerstand ausdifferenziert werden. Von der Leiblichkeit her bis zur Geschichtlichkeit, die nicht aus der Erfahrung meines Leibes und Lebens verstandbar ist, wird das Selbst weiter durchkreuzt und srukturiert. Das Leben, das in Leib, Sprache und Geschichte ausgedrückt wird, ist zugleich Differenz und Zusammenhang.
Das Selbstbewußtsein ist deshalb nach Dilthey schon ein Bewußtsein von und in der Welt. Das menschliche Leben vollzieht sich bereits in Hinsicht auf eine Lage und ein Milieu, eine Epoche und ein Zeitalter, wobei dieser Bezug vom cartesianischen Modell grundverschieden ist (GS 5: 200). Das Selbst und die Welt sind da, sie sind als da gegeben, was nicht mit einer Erkenntnis der Welt oder des Selbst identisch ist (GS 8: 16,18,39, 54). Daher sollen die Lebensweisen der Menschen aus ihrem “Darinnensein im Leben” verstanden werden (GS 8: 99). Das Selbst und die Andersheit sind im selben Moment gegeben, und beide sind aus ihrer Beziehung zueinander zu denken (GS 19: 350). Dilthey stellt eine Subjektivität an den Anfang der Überlegungen, die schon von der Welt geprägt ist, die aber nicht lediglich als ein Bestandteil dieser Struktur verstanden werden kann. Die Naturwissenschaften bestimmen das Besondere als Teil und Element von allgemeinen Begriffen und Strukturen.
Die Geisteswissenschaften sind auf die Beziehungen des Zwischen und der Durchkreuzung ausgerichtet um “die historische Darstellung des einmal Geschehenen” zu erreichen (GS 7: 3). Sie denken die Momente von Teil und Ganzheit als eine Bewegung zwischen einem Allgemeinen, das als Typisches aufgefaßt wird, und einem Singulären, das immer in einem Kontext steht, ohne daß es aus diesem Zusammenhang heraus erklärt werden kann. Der Zusammenhang des Individuums und der Struktur ist eine Gestalt, die als eine bewegte Spannung gedacht werden soll und die aus der [7] Differenz von einer Figur und einem Hintergrund entsteht. Dilthey ist jedoch im Kontrast zur nachfolgenden Gestaltpsychologie der Auffassung, daß diese Beziehung eher in einem dynamischen und geschichtlichen Sinne besteht, um im Charakter ihrer Spannungen ausgelegt werden zu können. Dilthey versteht die Psychologie in Anlehnung an den zeitlichen Begriff des hermeneutischen Zirkels, als eine Bewegung zwischen Individuum und Gesellschaft, Ereignis und Struktur. Wir hätten es hier mit einem Kreis zu tun, der nicht abgeschlossen werden kann und der den Widerstreit nicht zur Auflösung bringt.
Diese Beziehung wird Dilthey zufolge exemplarisch im Begriff der Generation veranschaulicht. Die menschlichen Handlungen und Strukturen sind aus ihrer Generativität auszulegen, ihre Erstreckung zwischen den Dunkelheiten der Vergangenheit und der Zukunft (GS 19: 357), zwischen den unbezüglichen Bezüglichkeiten von Geburt und Tod (GS 8: 143-144). Martin Heidegger hat schon früh diesen wichtigen Diltheyschen Begriff aufgenommen (GA 59: 157), ohne in Sein und Zeit die Geworfenheit als Geburtlichkeit oder Geboren-sein des Daseins genugend auszulegen (SZ: 385). Im Verständnis Diltheys ist “Generation” eine Bestimmung des Selbst als mitseiend, in der es in seiner generativen Geschichtlichkeit aufgefaßt und im symbolisch-kulturellen Rahmen begriffen wird. Nach Dilthey hat eine Generation keine einheitliche Weltanschauung. Anders als in “Hegels Glaube an einen Zusammenhang der Zeitalter in repräsentiven Personen” (GS 8: 132) und anders als Heideggers Wahl der eigenen Helden gibt es in dieser räumlich-zeitlichen Bestimmung keine notwendige Einheit. Stattdessen geschehen Verbindungen in einem Spannungsfeld und Kampf von durchkreuzenden Beziehungen im Sinne eines Widerstreites von Ansprüchen und Weltanschauungen. <fn3> Es kann dabei durchaus möglich sein, daß eine Weltanschauung andere zu beherrschen sucht und auch beherrscht.
Ich habe die Frage gestellt, was die Unergründlichkeit nach Dilthey heißt und wie dieser Begriff , der die Begrifflichkeit des Lebens und des Seins in Frage stellt, jede Idealisierung und Verabsolutierung problematisch macht. Das Leben ist unbegründbar, obwohl es den Grund und Zusammenhang der Wissenschaften bildet. Es ist zugleich Grund und Abgrund (vgl. GS 1: 322 und GS 13: 53), Struktur und Faktizität, weil es orientierend und unergründlich ist.
5. Die Faktizität und Singularität des Lebens
“. . .nur ideale Repräsentation ist harmonisch. Jede reale Darstellung enthält ein
Gegensätzliches von Gewahren der Singularität.” — Wilhelm Dilthey (GS 7: 331).
Die Hermeneutik ist die Kunst des Verstehens. Sie ist nach Dilthey die Tätigkeit und die Selbstbesinnung über die Tätigkeit der Deutung und der Auslegung. Die Philosophie Diltheys kehrt von der Selbstbeobachtung im inneren Bewußtsein zu einer Auffassung des Selbsts, die von Erfahrungen seiner geschichtlichen, gemeinschaftlichen und sprachlichen Welt bedingt wird. Die Bedeutung ist Dilthey zufolge als Zeichen und Symbol, als Ausdruck und Entäußerung zu verstehen. Die Bedeutung hängt nicht nur vom Bewußtsein (Immanenz) ab, sondern bezieht sich auf einen immer weiteren “Lebenszusammenhang” und eine geschichtlich-symbolischen Welt, die er nach Hegel “objektiven Geist” genannt hat.
Diese philosophische Wendung ist eine vom Bewußtsein zum Symbolischen, das als Erlebnis, Ausdruck und Verstehen ausgelegt werden kann. Sie ist weiter eine [8] Wendung zur geschichts- und zeitbedingten Auffassung von Verstehen als menschliche Lebensweise. Die neue Einsicht einer “phänomenologischen Hermeneutik,” die schon mit Dilthey anfangt, bedeutet eine Revidierung der Hermeneutik. Die Hermeneutik war vorher eine Hermeneutik der Auslegung von Schriften. Nun ist sie eine Auslegung von dem Selbst und der Welt in ihrer Kogegebenheit geworden.
Die Hermeneutik des “Erlebens” bedeutet, daß “Bedeutung,” “Sinn” und “Verstehen” erneut gedacht werden müssen. Das Bewußtsein und seine Absichtlichkeit sind aus ihrem geschichtlichen und sprachlichen Horizont zu denken. Das Erlebnis, das von der Erfahrung unterschieden werden muß, spielt eine zentrale Rolle beim Aufbau der geschichtlichen und poetischen Welt. In Diltheys Entwicklung, bewegt er sich von einer interpretiven-psychologischen zur hermeneutischen Perspektive des Verstehens.<fn4>
Begriffe und das ganze Struktur der Begrifflichkeit müssen auf ihre Fundierung in erlebten Erfahrungen zurückgeführt werden. Die Sprache ist mit Bezug auf ihre Geschichtlichkeit und ihrer Zeitlichkeit zu verstehen. Diese Gestalt auszulegen, in der die Dinge zum Sein werden, ist die Aufgabe einer phänomenologischen Hermeneutik. Die Geschichtlichkeit, und weiter die Zeitlichkeit, sind Bedingungen des Verstehens von Sinn und Bedeutung oder das Ganze der “Bedeutsamkeit” der Welt in der das “ich” sich befindet. Das Verstehen ist eine Auslegung der Gestaltung des Sinns als Wechselspiel von “ideeller Geltung” und der “Faktizität” der Sprache, das heißt eine Wechselwirkung von Selbst und Anderen, Absicht und Ursache, Wesen und Existenz, Sinn und Unsinn, und was Sinn und Bedeutung entflieht.
Das Ganze der Bedeutsamkeit steht in Bezug zu ihrer Verschiedenheit. Diese andere Deutung begreift die Hermeneutik als ein Verstehen des Anderen. Dieses Verstehen ist immer unvollständig und begrenzt in der Faktizität. Manche Erfahrungen können nur indirekt und mittelbar verstanden werden, deswegen ist eine “Hermeneutik der Faktizität” notwendig. Sie ist nötig, wenn die bestimmenden Begriffe fehlen. Wir versuchen immer noch, das Vorbegriffliche und das Unbegriffene anzudeuten. Der Sinn hängt von der Sprache und dem vorbegrifflichen Erlebnisse des Leibs ab. Dilthey deutet mit den Begriffe “Phantasiebilder” und “sinnliche Begriffe” die Beziehung von Sprache und Leib an (DDM: 28-29). Es gibt nach Diltheys Deutung von Mythos und Poesie eine Sprachlichkeit des Leibes und eine Leiblichkeit der Sprache (vgl. DDM: 28-31). Es ist “die Fähigkeit des Dichters die sinnlichen Grundlagen der Sprache wiederzuwecken” (DDM: 31). Sinn ist daher aus dem “Lebenszusammenhang” zu verstehen, zu deuten, und auszulegen.
Dilthey schrieb in Das geschichtliche Bewußtsein und die Weltanschauungen, daß “das Selbst nie ohne dies Andere oder die Welt ist, in deren Widerstand es sich findet...” (GS 8: 18). Das Selbst und sein Anderes sind nicht nur zusammen gegeben, sie existieren in leiblich-geschichtlichen Beziehungen von Bezug und Entzug, von Widerstand und Widerstreit, die eine Generation erleben, ausdrücken und auslegen. Dilthey ist wie Nietzsche und Heidegger agonistisch zu deuten, der die verstehende Auseinandersetzung und den responsiven Widerstreit des menschlichen Lebens anzeigt.<fn5> Die Philosophie als weltbezogene Selbstbesinnung geht deswegen nach Dilthey um die Konkretion und Differenzierung des Lebens in ihrer Ausdrücke und Deutungen, anstatt eines gleichmachenden Relativismus.
Der Widerstreit kennzeichnet das Leben selbst, das nicht im Sinne eines einheitlichen Bildes oder einer Perspektive ohne Aporien gedeutet werden kann (GS 8: 98), [9] da dieser Widerstand und Rest irreduzibl und unaufhebar ist (GS 8: 152), und weil jedes Zeitalter oder jede Epoche in ihrer Geschichtlichkeit nicht einheitlich, sondern perspektivisch und widerstreitend, d.h. auseinandersetzend ist (GS 8: 158-59).
Warum ist folglich das Leben unergründlich? Dilthey zufolge beruht diese Unergründlichkeit in der Faktizität des Lebens, nicht nur im Sinne des “schon erkannten” der Vergangenheit, aber auch als das, was sich entzieht, als Andersheit der Erkenntnis, als Widerstand und Rätsel. Die Erkenntnis versucht, die Welt zu begründen und zu erklären, sie entwickelt Begriffe, die zu Unvergleichbarkeiten und Aporien führen. Diese Unvollkommenheit und Undurchführbarkeit ist bedingt durch die geschichtliche Faktizität der menschlichen Existenz.
Die Faktizität ist der letzte Grund der Erkenntnis, weil die Erkenntnis die Faktizität nicht durchdringen kann und die Faktizität die Singularität innerhalb des Zusammenhangs des Lebens andeutet (GS 1: 322; GS 13: 53). Dies bedeutet, daß sie die Spannung und Unvergleichbarkeit zwischen dem Kontext und dem Individuum, dem Ganzen und dem Singulären aufschließt.
Diese Beziehungen brauchen nach Rudolf Makkreel die Responsivität, , bzw. das “hinzugeben” (GS 7: 201), die Dilthey in seiner Auslegung der Empfänglichkeit der Grundgefühle oder Stimmungen beschreibt und von der dritten Kritik her deutet (Makreel, 1992: 21-25). Diese tritt in der Anerkennung und dem Zuhören von Einmaligem und Singulärem ins Werk, was nur als die Andersheit erfahren werden kann und nie ganz ausgesprochen oder begrifflich gemacht werden kann. Das Singuläre reduziert sich nicht auf seine bloße Singularität, sondern es ist überschüssig (z.B. Reife anstelle bloßer Materie). Widerstand und Entzug ergeben sich gerade von hier aus. Fraglich ist dann, ob die gegen Dilthey vorgebrachte Kritik von Autoren wie Gadamer und Habermas teilweise die Unangemessenheit der gegenwärtigen Hermeneutik anzeigt. Es folgt daraus, daß die Wahrheit des Dialoges und des Diskurses unangemessen ist, um die Wahrheit des biographischen Zeugnisses und der interpretierenden Responsivität zum Einmaligen zu verdeutlichen, wenn diese Wahrheit nach dem Begriff der Totalität und der Einheit gedacht wird. Sie sind unangemessen, wenn es um das Aussprechen des Einmaligen geht, das sich der Sprache und dem Begriff entzieht und diesen widersteht. Dieses Ergebnis zeigt sich insbesondere in Diltheys Interesse an der Biographie und der Kunst, die nach Dilthey die Darstellung des Singulären umkreisen, insofern sie als konstitutiv und positiv anerkennen, was nie ganz dargestellt und vorgestellt werden kann.
ABSTRACT
This paper investigates Dilthey’s postfoundationalist and postmetaphysical justification of the human sciences in relation to his philosophy of life, specifically the radical lack of ground, i.e., the ungroundability (Unbegründbarkeit), and unfathomability (Unergründlichkeit), of that life. It explores this question by concentrating primarily on Dilthey’s works on interpretive psychology in the 1890's in the context of his thinking of facticity, singularity, and the conflict of worldviews.
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FOOTNOTES
1. Der Hermeneutik, als formal anzeigend verstanden, der Faktizität ist bei Heidegger mit und vielmehr gegen Dilthey weiter entwickelt und umgestaltet. Vergleich Heidegger, GA 59: 154, 167 und mein Aufsatz:. “Questioning Practice: Heidegger, Historicity and the Hermeneutics of Facticity.” Philosophy Today 44, 2001 (SPEP Supplement 2000): 150-159.
2. Heideggers positivsten Deutungen von Diltheys “Antisystematik” und Schlüsselrolle zur Frage der Faktizität des Lebens sind in GA 59 und WDF.
3. Vgl. Diltheys Beschreibung vom “Kampf der Gewalten” in GS 7: 187, 287-288.
4. Das “Psychologische” und das “Hermeneutische” sind nach Dilthey aus der “inneren” Perspektive von “ich,” “du,” und “wir” zu verstehen. Vgl. Matthias Jung, 1999: 9-14, 274-275.
5. Vgl aber Heideggers Kritik an Diltheys Deutung des Widerstands in Sein und Zeit. Hier kehrt Heidegger Diltheys Argument um und versteht Widerstand aus der Welt (SZ: 209-211).